„Narrenstück: oder Das Wundern des Dolmetschers beim Betrachten der Welt“ von Jan Cornelius

Auf den ersten Blick zeigt das Bild auf dem Umschlag des 2013 erschienenen Buches eine Landkarte Europas. Auf den zweiten Blick merkt man, dass Europa ziemlich durcheinander geraten ist. Wie im richtigen Leben …

„Narrenstück: oder Das Wundern des Dolmetschers beim Betrachten der Welt“ von Jan Cornelius, Schriftsteller und Dolmetscher, ist aus meiner Sicht kein Roman oder auch Schelmenroman, wie es vom Verlag bezeichnet wird. Viel besser passt meiner Meinung nach der Titel dazu: Jan Cornelius wundert sich in über 50 kurzen Beiträgen oder Geschichten, die mehr oder weniger zusammenhängen, über die Welt und erzählt nebenbei seinen Weg durch diese.

Geboren wurde er 1960 im Banat geboren und wuchs in Reschitz und Temeswar auf. Sein Wunschwohnort war aber Paris. Leider jedoch gab es zwischen dem Banat und Paris lange Zeit den nahezu undurchdringbaren so genannten Eisernen Vorhang, der viele Leute in Rumänien davon abhielt, sich bezüglich des Wohnortes an Wünschen zu orientieren. Jan Cornelius beschreibt die damaligen Ausreisechancen: „Man musste mindestens 80 Jahre alt sein und hatte unbedingt eine handgeschriebene Erklärung vorzulegen, dass die Eltern mit diesem Reisevorhaben einverstanden sind“. Er schaffte es aber als Privatlehrer des verwöhnten Sohnes des stellvertretenden Bürgermeisters von Reschitz, der gleichzeitig ein wichtiges Parteiamt innehatte, noch zu Ceausescu-Zeiten durch eine List aus Rumänien zu fliehen. Jan Cornelius wohnt heute mit seiner Familie, die ihm zwei Jahre nach seiner Flucht nachreisen konnte, in Düsseldorf.

In den einzelnen Beiträgen beschreibt er mit viel Wortwitz unter anderem seine Träume, seine Angstattacken, seinen Aufenthalt in einer psychiatrischen Klinik in Rumänien, seine Bewunderung eines amerikanischen Schriftstellers, Anekdoten aus der Zeit des Sozialismus („Kinder, Kinder, heute möchte man alles, was damals im Sozialismus lief, schlecht machen. […] Es war freilich auch nicht alles gut, das möchte ich jetzt bestimmt sagen. […] Gar nichts war gut, aber man kann ja jetzt nicht auf einmal kommen und alles schlecht machen.“), den Einfluss der Rolling Stones sowie Beatles auf ihn, die Beziehung zu seinem Vater oder den schweren Start nach der Flucht. Zudem beschreibt er seinen Umgang – teils amüsiert, teils entnervt – mit der Tatsache, dass er immer wieder nach seiner Herkunft gefragt wurde: „[…] manchmal sage ich knapp, ich sei Chinese mit japanischem Hintergrund, und dann ist mein Gegenüber beleidigt“.

Zudem schildert er viele zum Teil skurrile Begegnungen mit Rumänen im Westen. Als Dolmetscher wurde er etwa oft von Behörden engagiert, wenn diese Probleme mit Rumänen lösen mussten, die kein Deutsch sprachen. Oder trifft Rumänen in Paris, als er sich gerade sicher ist, den möglicherweise illegitimen Sohn von Samuel Beckett entdeckt zu haben.

Sehr schön ist auch die Geschichte von Maria Luisa, einer italienischen Literaturübersetzerin, die Jan Cornelius auf einem Workshop kennen lernt. Sie erzählt ihm, dass sie von der rumänischen Art und Weise zu schimpfen und deftige Schimpfwörter beispielsweise auch in liebevolle Begrüßungen einzubauen („Ce mai faci, măi pulă?“) Gefallen gefunden habe und darüber ihre Doktorarbeit schreibe. Sie schloss die Doktorarbeit mit einem 400-seitigen Werk und summa cum laude ab.

Eingeleitet wird in das sehr kurzweilige 230 Seiten umfassende Buch übrigens mit einem sehr schönen Spruch von Chico Marx, einem amerikanischen Komiker: „Ich fände den Westen besser, wenn er im Osten läge.“ Dem stimme ich zu.

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