Gute und schlechte Männer

Ein Urteil in Rumänien hat in den letzten Wochen für Aufsehen gesorgt. Neben der Deutschen Welle berichtete aus Spiegel Online über den Fall: Der mittlerweile 90-jährige ehemalige Direktor der Haftanstalt Ramnicu Sarat Alexandru Visinescu, in der vor der Wende politische Häftlinge untergebracht waren, wurde für den Tod zahlreicher Gefangener durch systematische Folter und Misshandlung verantwortlich gemacht und zu 20 Jahren Haft verurteilt. Es ist die erste Verurteilung eines Folterers der ehemaligen kommunistischen Diktatur.

Visinescu zeigte vor Gericht gemäß der Berichterstattung keine Reue, sondern stellte sich als Befehlsempfänger dar, der nur Anweisungen befolgt habe.

Vor ein paar Wochen habe ich das Buch „Guter Mann im Mittelfeld“ gelesen. Das Buch hat wenig mit Fußball zu tun, sondern zeigt eindrucksvoll, wie schnell man früher in das Visier der Securitate kam und dann möglicherweise in einem der Gefängnisse für politische Häftlinge verschwand. Zum Beispiel in Ramnicu Sarat. Und wie Leute wie Visinescu ihre Positionen ausnutzten, um sich selbst Vorteile zu verschaffen. Ohne Rücksicht auf die Folgen für andere. Die Hauptperson des Buches kommt als politischer Häftling in das Zuchthaus von Aiud, eine ähnlich schlimme und menschenvernichtende Einrichtung wie jene in Ramnicu Sarat.

Am Anfang der Geschichte ist Stefan Irimescu noch Redakteur der linientreuen Zeitung „Stimme des Sozialismus“. Er ist kein Freund des existierenden politischen Systems, hat sich aber mit diesem weitgehend arrangiert, auch wenn er es in Teilen durchschaut. Was er nicht weiß und im Laufe der Geschichte durch eigene Erfahrungen schmerzvoll entdeckt, ist die Verlogenheit, Rücksichtslosigkeit und Brutalität der herrschenden Klasse und ihrer Mittelsmänner.

In seiner Naivität und durch zunehmende Hinweise auf die Machenschaften der politischen Kader und der Securitate gerät er mit dem System und seinen Mittelsmännern in Konflikt und wird in Folge einige Tage lang von der brutal misshandelt, um wieder auf Kurs gebracht zu werden.

Wieder auf freiem Fuß gerät er durch Zufall in den Mittelpunkt einer Untersuchung, bei der ein Bautrupp sich für verschwundene Materialien rechtfertigen muss. Stefan, der nach der Folter durch die Securitate erneut malträtiert wird und sich nicht wehren kann, soll als Dieb herhalten. Nur durch entschiedenes Handeln der Architektin Raluca entkommt er aus der Situation. Die sich entfachende Zuneigung der beiden soll Stefan weiter zum Verhängnis werden: Raluca ist die Frau eines Parteikaders, der Karriere machen will.

Mehr erzähle ich nicht zur Geschichte, um etwaigen Lesern nicht die Spannung zu verderben.

Am Buch wird deutlich: Die permanente Bedrohung und Einschüchterung der Menschen in der damaligen Zeit erzeugten Ängste, bedrohten das Seelenleben und die Gesundheit und zerstörten Beziehungen. An Stefan und Raluca zeigt sich auch, dass ein dauerndes Hinterfragen der eigenen Einstellung und die Suche nach einem geeigneten Weg Kennzeichen des Alltags der damaligen Zeit waren: Wie soll man Leben? Wem kann man trauen? Soll man sich mit dem System bestmöglich arrangieren oder dagegen arbeiten? Was lässt sich mit einer Verantwortung als Vater oder Mutter vereinbaren? Wie kann oder soll man handeln, um den Kindern gute Entwicklungsmöglichkeiten zu bieten? Wie vereinbart man sein Handeln mit seinem Gewissen?

Wenn die Geschichte auch in Bukarest spielt – das weit verzweigte Netz der Securitate reichte auch bis nach Heldsdorf und hat auch dort für Unruhe und Leid gesorgt.

Übrigens war anscheinend nur einer der ehemaligen Gefängnisinsassen bereit, gegen Visinescu auszusagen. Andere fürchteten, dass die ehemaligen Schergen und Folterer von mächtigen Politikern oder Wirtschaftsbossen geschützt werden, die bereits im kommunistischen System herausgehobene Stellungen hatten.

Das zeigt an einem sehr konkreten Beispiel, dass die Zeit und die Erfahrungen von damals sich bis heute auf das Leben der unmittelbar und mittelbar Beteiligten auswirken. Und wirft wiederum andere Fragen auf: Wie lange braucht es, bis die rumänische Gesellschaft die Schatten der Ceauşescu-Ära hinter sich lässt? Wie lange, bis die Bevölkerung wieder Vertrauen in die Politik und Verwaltung hat oder haben kann?

Der Autor des Buches, Andrei Mihailescu, wurde 1965 in Bukarest geboren. Anfang der 1980er Jahre floh er mit seiner Familie in die Schweiz, wo er heute noch lebt. Mehr über Andrei Mihailescu gibt es auf der Internetseite der Hanser-Literaturverlage. Der Roman ist im Hanser-Tochterverlag Nagel & Kimche erschienen.

 

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