Kirchenburgen in Siebenbürgen – was nun?

Vor ein paar Tagen schickte mir Günter Reiner ein paar Fotos von dem eingestürzten Kirchturm, den Trümmern und der Kirchenburg von Rothbach (siehe Blogeintrag Es waren einmal stolze Kirchtürme … vom 20. Februar 2016).

  • Foto: Günter Reiner

Es ist nach wie vor erschütternd, was in Rothbach passiert ist. Die Bilder stimmen traurig. Ein Einsturz von Kirchtürmen sächsischer Kirchenburgen kann sich aber jederzeit wiederholen, worauf ein Interview mit Ortwin Hellmann, dem Kurator des Kronstädter Kirchenbezirks der Evangelischen Kirche A. B. in Rumänien, in der Karpatenrundschau sowie ein Beitrag von Dr. Carmen Puchianu in der Allgemeinen Deutschen Zeitung für Rumänien hinweisen.

Ortwin Hellmann kommt zur Feststellung: „Diese Bauten sind nicht für eine Lebensdauer von Jahrhunderten errichtet worden und es ist fast ein Wunder, dass heute noch so viele von ihnen in einem relativ guten Zustand stehen.“ Er verdeutlicht, dass die Türme zum Teil unter großem Zeitdruck entstanden sind, die Wehrfähigkeit im Vordergrund stand und etwa Bodenbewegungen, Umwelteinflüsse oder unfachmännische Restaurierungen vielerorts zu Schädigungen der Bausubstanz geführt haben.

In Rothbach wird eine unsachgemäße Restaurierung, die Verstärkung des Mauerwerks mit Stahlbeton nach dem Erdbeben im Frühjahr 1977, für den Einsturz mit verantwortlich gemacht. Das Gewicht der Verstärkungen war zu hoch für die Tragfähigkeit der Kirchturmmauern.

Ortwin Hellmann weist zudem auf einen anderen kritischen Punkt hin: […] wenn man vor beiden Trümmerhaufen steht, muss man eine sehr beängstigende Feststellung machen; in keinem der Fälle gab es noch Bindefähigkeit des Mörtels, aber überhaupt keine mehr! Der Mörtel, dessen Aufgabe es ist, die Steine des Mauerwerkes zu verbinden, hat sich im Verlauf der Zeit zersetzt und war nur noch eine Masse, die zerrieben werden konnte, ohne eine Spur Haftung.“ Es ist anzunehmen, dass dies auch bei anderen Kirchen und Kirchenburgen in Siebenbürgen der Fall ist.

Die Sicherung der beiden Kirchtürme, ihr Um- oder Wiederaufbau findet in einem sehr schwierigen Umfeld statt: Einerseits sind die Zuständigkeiten zum Teil unklar, andererseits die Ressourcen sehr knapp. Zudem sind behördliche Auflagen und Wege einzuhalten. Damit ist jedoch noch nichts zur tatsächlichen Umsetzung einer Renovierung getan, die ihre eigenen Tücken birgt: „[…] der Kran [zur Bergung der Kirchenglocken in Radeln] hat schon ein Eigengewicht, das um ein Vielfaches die Mindestlast der zwei Brücken übersteigt, welche überquert werden müssen um bis zur Kirche zu kommen.“

Dr. Carmen E. Puchianu berichtet von einer Visitationsreise einer Delegation des Kronstädter Bezirkskonsistoriums der Evangelischen Kirche Anfang März 2016 in Ortschaften des Repser Landes. Besucht wurden Deutsch-Tekes, Galt, Draas, Radeln, Hamruden, Meeburg und Stein. Frau Puchianu fasst zusammen: „Im Falle aller oder beinahe aller in Augenschein genommenen Bauten kann kaum mehr nur von einem zögernden Bröckeln der Steine gesprochen werden. Tiefe, unübersehbare Risse, von Grund auf erschütterte Bausubstanz, unterschiedliche Verfallserscheinungen in Form von Schimmel- und anderem Befall sprechen eine unmissverständliche Sprache.“ Und weiter: „Das Kronstädter Bezirkskonsistorium fordert die sofortige Absperrung sämtlicher bisher zugänglicher Türme und eine strenge Kennzeichnung der bestehenden Gefahren im unmittelbaren Umkreis oben genannter Kirchen und Kirchenburgen.“

Sie macht deutlich, wie auch Ortwin Hellmann, dass das Erbe an Kirchenbauten die Ressourcen der in Siebenbürgen verbliebenen Sachsen übersteigt, und folgert: „Was nicht mehr zu retten ist, sollte entsprechend gesichert und für jegliche Nutzung gesperrt werden.“

Stefan Cosoroabă berichtet in dem Beitrag „Notmaßnahmen für die Kirchen in Radeln und Rothbach“ der Siebenbürgischen Zeitung, dass das Landeskonsistorium der Evangelischen Kirche in Rumänien am 11. März 2016 beschlossen hat, Expertengutachten für weitere gefährdete Kirchen und Burgen, deren Zahl auf etwa 40 bis 50 geschätzt wird, einzuholen. Auf Dauer soll ein System entwickelt werden, das regelmäßig über den Bauzustand wichtiger Wehrkirchen und Kirchenburgen informiert. In beiden Fällen ist die Finanzierung noch offen.

Es ist eine gewaltige Aufgabe, die in Siebenbürgen zu meistern ist. Noch scheint keiner so genau zu wissen, wie sie mit wem angegangen und gelöst werden kann. Klar ist, dass sie die in Siebenbürgen verbliebene Gemeinschaft überfordert.  Aus meiner Sicht sind die ausgewanderten Siebenbürger Sachsen gefordert, Mittel und Wege zu finden, um sich stärker in den zurückgelassenen Ortschaften und Regionen einzubringen und die dort Verbliebenen zu unterstützen.

Ein Kommentar

  1. Im letzen Artikel, erschienen in der „Karpaten Rundschau“ am 07. April 2016 unter dem Titel „Regierung und Kirchenleitung geben sich die Hand“ können wir lesen, dass auch die rumänische Regierung, durch Vizepremier Dancu, an Ort und Stelle anwesend war (sowohl in Rothbach, als auch in Radeln) und materielle Hilfe ankündigt. Bleibt nur zu hoffen, dass es nicht bloß Wahlversprechen sind und diese Mittel dazu führen, dass sich „Rothbach und Radeln“ nicht bald wiederholen und gefestigt wird, was noch nicht eingestürzt ist.
    „Rothbach und Radeln“ ist in Siebenbürgen (und nicht nur da) leider überall. Es ist nur eine Frage der Zeit, bis sich diese Vorfälle wiederholen. Hilfe zum Erhalt der Kirchenburgen werden (wurden) auch von der EU und der UNESCO angeboten und bereitgestellt.

    Bleibt die Frage :
    Warum wurde nicht vorher gehandelt? Das Problem ist ja allbekannt. Muss erst alles zusammenfallen, damit wir wach werden?

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