Was bedeutet ihnen Siebenbürgen in 30 Jahren?

Im April 2016 hielt ich auf dem Seminar „Von der Idee zum Heimatblatt“ des Verbandes der Siebenbürgisch-Sächsischen Heimatortsgemeinschaften den Vortrag „Die Zielgruppe ändert sich – Herausforderungen für Heimatblätter“. Dieser baute auf meiner Wahrnehmung und auf einer Auswertung der Altersstruktur der Mitglieder der Heimatgemeinschaft Heldsdorf auf, dass den Heimatorts- oder auch Heimatgemeinschaften der Nachwuchs wegbleibt. Die These lautete, dass der Nachwuchs mit den Heimatblättern nur noch bedingt erreicht wird. Um zu verdeutlichen und zu analysieren, warum dies so ist, versuchte ich eine Zielgruppenanalyse. Ich bin kein Marketingexperte, weswegen ich bewusst von einem „Versuch“ spreche. Nachfolgend werden einige der Folien des Vortrags gezeigt.

Um die Leser der Heimatblätter in Gruppen relativ homogener Leser aufteilen zu können, nahm ich ein Gruppenbild einer 2012 organisierten Busreise nach Rumänien zu Hilfe.    

Es war relativ einfach, die Teilnehmer in fünf verschiedene Gruppen aufzuteilen:

  1. Mitglieder der Erlebnisgeneration haben einen bedeutenden Teil ihres  Lebens in Heldsdorf verbracht und die damalige Gemeinschaft geprägt.
  2. Die Auswandererjugend hat Heldsdorf relativ jung verlassen.
  3. Die Nachkommen haben Heldsdörfer Eltern, wurden jedoch hier geboren beziehungsweise waren sehr klein, als sie mit ihren Eltern ausreisten.
  4. Nicht-Heldsdörfer Partner und Freunde simd Personen,

Zugleich fiel es auch nicht unbedingt schwer, die Gruppen durch einige relevante Merkmale zu beschreiben. Nachfolgend werden die Gruppen einzeln mit den ihnen zugewiesenen Merkmalen beschrieben. Diese beruhen nicht auf etwa auf wissenschaftlichen Erhebungen, sondern entsprechen meinen subjektiven Erfahrungen. Natürlich könnten die jeweiligen Listen mit Charakteristika auch noch ergänzt werden.


Nachdem die Gruppen charakterisiert waren, überlegte ich, wie spannend die einzelnen Rubriken des Heldsdörfer Briefs für sie sind. Da ich den Heldsdörfer Brief redigiere und relativ viele Kontakte zu Autoren und Lesern habe, meine ich, dies relativ realitätsnah beurteilen zu können.  Drei Häkchen pro Zelle in der Abbildung unten bedeuten, dass die Rubrik (Zeile) von der entsprechenden  Gruppe (Spalte) mit Interesse gelesen wird. Ein Häkchen bedeutet, dass das Interesse gering ist.

Zur Erläuterung der Rubriken: „Aus Heldsdorf“ beinhaltet Beiträge, die Ereignisse in Heldsdorf beschreiben. „Aus der Heimatgemeinschaft“ enthält Berichte über Zusammenkünfte und Aktionen von Gruppen der Heimatgemeinschaft in Deutschland. In „Verband der Siebenbürger Sachsen, Siebenbürgen und Rumänien“ erscheinen Artikel zu interessanten politischen, wirtschaftlichen oder gesellschaftlichen Themen, die nur mittelbar mit Heldsdorf zu tun haben, da es entweder um Siebenbürgen oder Rumänien beziehungsweise um Angelegenheiten des Verbandes geht. „Geschichtliches“ dürfte klar sein, „Leute“ wird mit Artikeln über besondere Leistungen oder Erlebnisse von Heldsdörfern gefüllt. Unter „Sonstiges“ werden unter anderem Buchbesprechungen veröffentlicht sowie Beiträge, die sich den anderen Rubriken nicht zuordnen lassen. Und „Familiennachrichten“ beinhaltet Angaben zu Geburten, Geburtstagen, Hochzeiten, Todesfällen von Mitgliedern der Heimatgemeinschaft.

 

Die nächste Folie gibt das ernüchternde Ergebnis der versuchten Zielgruppenanalyse wieder: In hohem Maße erreicht werden nur die beiden Gruppen der Erlebnisgeneration sowie der Heldsdörfer Heldsdörfer. Besonders schlecht ist der Erreichungsgrad bei den Nachkommen.

Meiner Ansicht nach ist das Medium Heimatblatt auch nur bedingt dazu geeignet, die Nachkommen wieder mehr für die Heimatgemeinden, für Siebenbürgen und Rumänien zu begeistern beziehungsweise eine Bindung zu diesen aufzubauen. Dazu brauchen wir meiner Ansicht nach (auch) andere Formate wie passende Veranstaltungen oder passende Informationsangebote. Und wir brauchen zwingend die Verbindung zu den Herkunftsorten, nach Siebenbürgen und nach Rumänien. Wir müssen jungen Familien zeigen, dass es sich lohnt, die Heimatorte (wieder) verstärkt zu entdecken, sich den Reichtum der Kulturlandschaft Siebenbürgens zu erschließen oder die Schönheiten und die Vielfalt Rumäniens zu entdecken. Trotz des Booms von Trachtenträgern und Tanzgruppen glaube ich nicht, dass Trachten und Tanzen die Gemeinschaft lange erhalten werden.

Es folgen nun einige Folien vor allem zu Veranstaltungsformaten und deren Zweck. Zugleich ist dargestellt, welche Zielgruppen diese ansprechen. Auch diese Auflistung ist natürlich nicht vollständig, sondern gibt das wieder, was im Förderverein oder in der HG Heldsdorf ausprobiert wird. Im Förderverein haben wir oft darüber debattiert, welche Wege passen könnten, um die ausgewanderten Sachsen wieder mehr für ihre Herkunftsorte zu begeistern. Ein Argument war, dass man wirtschaftliche Aktivitäten in Siebenbürgen starten müsste, bei denen sich die Ausgewanderten einbringen können, von denen sie aber auch einen finanziellen Nutzen haben. Möglicherweise ist das so – emotionale Befindlichkeiten und wirtschaftliche Interessen würden damit wahrscheinlich stärker im Einklang gebracht werden.

Ich lasse die folgenden Folien unkommentiert, da sich diese von selbst erklären.

Für mich ist es ein wichtiges Ziel, auch in 30 Jahren noch eine Gemeinschaft zu haben, deren Mitglieder sich Siebenbürgen und den eigenen Herkunftsorten oder jenen der Eltern beziehungsweise Großeltern verbunden fühlen. Ich glaube aber, dass wir dazu Einiges tun müssen, um Kindern, Jugendlichen oder jungen Familien die Heimatorte, Siebenbürgen und Rumänien wieder näher zu bringen und spannend zu machen. Natürlich gibt es dazu bereits die eine oder andere Initiative. Gleichzeitig gibt es aber auch HOGs, die bereits resigniert haben und nicht mehr daran glauben, die Gemeinschaften durch frischen Input erhalten zu können.

Auch deswegen denke ich, macht es absolut Sinn, verstärkt darüber zu debattieren und Ideen, Erkenntnisse, Methoden auszutauschen, wie neben den Kulturgütern auch die Gemeinschaft weiter gepflegt werden kann. Ich glaube, dass ein genereller Austausch hierzu auf mehreren Ebenen gut wäre und bin für Impulse auch für die HG Heldsdorf und den Förderverein Heldsdorf dankbar.

Ich denke auch, dass sich der HOG-Verband und auch der Verband der Siebenbürger Sachsen verstärkt und langfristig der Problematik annehmen sollten. Vor gut zwei Wochen habe ich an der Tagung des HOG-Verbandes „Getrennt und doch verbunden“ teilgenommen. Zentrale Erkenntnisse meinerseits waren: a) Die Zusammenarbeit zwischen dem HOG-Verband, der evangelischen Kirche in Rumänien, dem Verband der Siebenbürger Sachsen und dem DFDR ist gut. b) In Rumänien tut sich Einiges um die Kulturgüter zu erhalten. c) Das Thema, wie Nachkommen oder die Auswandererjugend aktiviert werden können, steht nicht im Fokus der Aktivitäten der beiden Verbände in Deutschland oder der Zusammenarbeit mit den Organisationen in Rumänien.

Nächstes Jahr wird das große Sachsentreffen in Hermannstadt stattfinden. Da unter anderem auf Betreiben des HOG-Verbandes auch viele Heimatort- und Heimatgemeinschaften die Gelegenheit nutzen, um zeitnah Feste in den Heimatorten zu veranstalten, wird eine hohe Teilnehmerzahl in Hermannstadt erwartet, vor allem auch junge Leute und junge Familien. Auch in Heldsdorf wird ein Treffen veranstaltet und zu diesem auch ein Rahmenprogramm ausgearbeitet. Ich hoffe, dass das Sachsentreffen mit den flankierenden Ortstreffen eine hervorragende Sache ist und denke auch, dass viele ausgewanderte Sachsen die Gelegenheit nutzen werden, um den Kindern, den Partnern oder Freunden Siebenbürgen zu zeigen. Ich glaube aber nicht, dass das Treffen ausreichen wird, um längerfristig eine anhaltende Dynamik zu entfachen.

Als Abonnent der Karpatenrundschau staune ich manchmal über die spannenden und vielseitigen Veranstaltungsangebote in Siebenbürgen. In einer der letzten Ausgaben der die Karpatenrundschau beinhaltenden ADZ blieb ich beispielsweise an Beiträgen zu dem Sommerfestival in Holzmengen oder dem Gitarrentreffen in Hermannstadt hängen. Hier könnten mühelos noch weitere Veranstaltungen aufgeführt werden. Und auf die landschaftlichen Reize verwiesen werden. Wichtig ist mir jedoch die Erkenntnis: Es wird viel Spannendes in Siebenbürgen und Rumänien angeboten. Hier in Deutschland müsste systematischer daran gearbeitet werden, zu dem dortigen Angebot eine hiesige Nachfrage zu generieren.

 

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